Heute ist „Tag der Seelischen Gesundheit“.

 

Ich wollte eigentlich den Anlass nutzen, um etwas über Diabetes und Psyche, Depression, Burnout oder ähnliches zu schreiben. Ich habe aber gemerkt, dass mir momentan etwas anderes unter den Nägeln brennt.

 

Seit ca. einem halben Jahr pflege ich einen Instagram-Account. Vorher war ich noch nie im „Social Media“-Bereich unterwegs, hatte auch keinen Facebook-Account. Weder privat noch beruflich (momentan baue ich grad an einem für die Praxis, aber das schleift irgendwie, weil es eben nicht „meins“ ist). Vielleicht bin ich da zu sehr „Alte Schule“.

 

Was mir auf Instagram in den letzten Wochen und Monaten im T1-Diabetes-Bereich immer wieder aufgefallen ist, ist die Fokussierung auf Zahlen. Weder in meinem privaten noch beruflichen Leben im Umgang mit dem Diabetes spielte das bisher eine besonders große Rolle. Und ich bin ein wenig irritiert. Da werden HbA1c-Werte in unterschiedlichster Form gepostet. Oder BZ- bzw. Gewebezuckerkurven. Sind es schlechte Werte, meist mit entsprechend schlechtem Gewissen, Erklärungsversuchen und dem „Versprechen“ zur Besserung. Sind es gute Werte, meist mit entsprechender Freude und damit verbundenen Hinweisen, wie dieses Ziel denn zu erreichen war (interessanterweise mehr aus dem englischsprachigen Raum). Und ich merke, dass das was mit mir und meiner persönlichen Beziehung zum Diabetes macht. Das gefällt mir nicht. Es ärgert mich. Mir ist das bewusst, da mich neben meinem privaten Umgang der Diabetes natürlich tagtäglich auch in der Praxis beschäftigt. Selbstreflexion ist angesagt. Auch hier.

 

Aber was ist mit den Betroffenen, denen das nicht bewusst ist? Gerade den Teenagern, Jugendlichen und jungen Menschen, die im Leben noch nicht so gefestigt und dadurch leichter beeinflussbar sind. Denen die Zahlen auf der Seele brennen. Die im Social Media Bereich nach Vorbildern suchen. Die eh schon so viel mit sich selbst und ihrem eigenen Leben beschäftigt sind. Und sich dann auch noch am sensibelsten Punkt in ihrem Leben messen und bewerten (lassen müssen). Denen man durch ihre Posts den Druck und die dahinter stehende Angst und Verzweiflung geradezu anmerkt.

 

Ich finde diese Entwicklung zutiefst bedenklich. Wir müssen aufhören, unser Leben an (Diabetes-)Zahlen zu messen. Es gibt so viele Faktoren, die eine körperliche Gesundheit beeinflussen. Stabile Blutzuckerwerte mögen gut sein. Aber sie sind kein Garant für körperliche „Unverwundbarkeit“. Es gibt (leider) kein Schutzschild vor den gesundheitlichen Unwägbarkeiten dieses Lebens. Was Menschen mit Diabetes (egal ob 1 oder 2 und im Grunde gilt das für jede schwere chronische Erkrankung) und ihre Angehörigen brauchen, ist vor allem eine stabile Seele. In der Psychologie nennt man das „Resilienz“. Es geht um die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen.

 

Wir lernen so viel über Technik, über Geräte, über Essen, über Kontrolle, über den eigenen Körper … Nur das „Rüstzeug“ für die Seele kommt meistens zu kurz. So entstehen – häufig aus Unwissenheit, meist schleichend und leider zu spät bemerkt – Depression, Burnout, Ess- und Angststörungen. Bei den Betroffenen – und bei den Angehörigen. Mit mehr Aufklärung in diesem Bereich wären viele Fälle vermeidbar. Davon bin ich fest überzeugt. Es gibt mehr Betroffene, als man denkt. An diese – bitte glauben Sie nicht, dass Sie damit allein sind, nur weil man so wenig darüber hört und liest. Es ist leider (!) immer noch ein großes gesellschaftliches Tabu-Thema, das mit Angst und Scham belegt ist. Ich habe mal gelesen: „Wenn man krank ist, geht man zum Arzt. Wenn man Diabetes hat, geht man zum Diabetologen oder zur Diabetesberatung. Aber wenn die Seele leidet … ach, das schaffe ich schon allein.“ Häufig schafft man es eben nicht. Bitte nehmen Sie Hilfe an, wenn Sie Hilfe brauchen. Egal, was die anderen sagen.

 

Es ist Ihr Körper. Es ist Ihre Seele. Es ist Ihr Leben.